Bruno Knust: Der schlagfertige Dortmunder Entertainer

Wenn du zum ersten Mal in Dortmund oder gar im Ruhrgebiet bist, hast du vielleicht Klischees im Kopf. Darüber, wie die Menschen hier ticken, wie sie sprechen, was sie beschäftigt. Wie kaum ein Anderer vermag es Bruno Knust, mit diesen Klischees zu spielen. Er spricht den Menschen aus der Seele, nicht nur denen von hier, sondern zunehmend auch Touristen, die bei ihrem Besuch zu Knusts Olpketal-Theater kommen. Es lohnt sich, den Abstecher in den Dortmunder Süden in dein Besuchsprogramm einzubauen.

Im September 2019 feiert diese Dortmunder Institution im feinen Vorort Kirchhörde ihr 30-jähriges Bestehen. Seit drei Jahrzehnten nimmt Bruno Knust dort das Geschehen in Dortmund und der Welt auf die Schippe.

Kabarettist, Comedian, Schauspieler, Entertainer - es gibt viele Attribute, die auf Bruno Knust zutreffen. Doch egal, in welche Rolle der 64-Jährige gerade schlüpft, eines ist er immer: Dortmunder.

Der Ur-Dortmunder kann stolz auf seine Erfolgsgeschichte zurückblicken. Geboren in der rauen Nordstadt, aufgewachsen im Arbeiterviertel Eving, hinaus in die weite Welt gezogen, in der Dortmunder Innenstadt zwischengelandet und im noblen Süden angekommen. Das schaffen nicht viele.

Geholfen hat ihm, dass er eine echte Ruhrpottschnauze ist. Knust verkörpert alles, was den Dortmunder Lokalkolorit ausmacht. „Mit großer Klappe und ohne Moralkeule“, beschreibt er seinen Stil, mit dem er schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren große Erfolge auf Bühnen in ganz Deutschland feierte.

Ich bin am Borsigplatz geboren und in Eving aufgewachsen. Wenn man da raus will, kann man nur Fußballer oder Künstler werden

Knust der Quergänger

Er trieb den falschen Sport, fuhr mit dem Kanu auf dem Dortmund-Ems-Kanal, wo die Angler mit Steinen nach den Wassersportlern warfen.

Also Kultur. Schon als 15-Jähriger spielte Knust Theater, ging mit einer Studenten-Kabarettgruppe sogar auf Tour. „Das war in der 68er-Zeit. Die hatten immer so kopfige Texte geschrieben, die ich auswendig lernen sollte. Konnte ich aber nicht.“ Also improvisierte er und entwickelte seinen Stil. „Ich konnte in der Schule aus dem leeren Heft ein Referat halten“, beschreibt er sein Talent.

Doch die Tourneen kosteten ihn fast das Abi. Die Eltern verordneten ihm eine künstlerische Zwangspause und nach einer Ehrenrunde klappte es auch mit der Hochschulreife. In der Folge tingelte Knust durch die Lande. Er wollte ins Hotelfach und jobbte in einem Hotel in Malente, war Puppenspieler in Nürnberg, wo ihm der Kulturdezernent ein Theater unterhalb der Norisburg andrehen wollte. „Wir waren schon sehr weit, aber dann war mein Krösken mit der Prima Ballerina am Opernhaus vorbei und ich zog weiter“, erinnert sich Knust.

Zufällig kam er an eine Rolle im Kinderfilm „Die Bremer Stadtmusikanten“. Er spielte einen Räuber und sprach den Esel. Dadurch wurde eine Münchener Produktionsfirma auf die markante Stimme aufmerksam und engagierte Knust als Sprecher für Zeichentrickfilme. „Das war gutes Geld, aber ich bin mit München nicht warm geworden. Das war nix für mich“, blickt er zurück.

Wieder nach Dortmund. In der Nachbarstadt Bochum spielte er an der Seite von Herbert Grönemeyer im Kindertheater: „Peter und der Wolf. Er war die Ente, ich der Peter“, weiß Bruno Knust. Und plötzlich hatte er sein eigenes Kindertheater und war auf Tour.
Es waren die wilden Siebziger. Straßentheater war angesagt. Auftritte in ganz Deutschland, gerne spontan, möglichst aufs lokale Publikum abgestimmt. „Beim Hamburger Alstervergnügen habe ich gelernt, kurze Stücke zu spielen“, erinnert sich Knust. Er bespaßte Werftarbeiter in der U-Bahn oder Bewohner einer Hochhaussiedlung. Sitzende Pointen, hohe Schlagzahl, viel Wortwitz, große Schnauze. Mit Erfolg:

Auf einmal war ich bei allen Straßentheater-Treffen - München, Berlin, egal. Ich wurde in der Szene richtig rumgereicht.

Knust geht neue Wege

Knust reifte und entdeckte eine neue Zielgruppe: Teenager. „Die kriegten nur didaktisches Zeug vorgesetzt“, so der Entertainer. Vom Land NRW bekam er um 1978 herum den Auftrag, ein Aufklärungs-Programm über Alkohol für Jugendliche zu machen. „Die Jugendlichen hatten damals wahnsinnig viel gesoffen“, sagt Knust. Mit einem Kompagnon entwickelte er ein Stück. Es schlug ein und wurde deutschlandweit für alle Jugendschutzwochen an Schulen gebucht. Knust: „Ich weiß nicht, wie oft wir diese Säuferoper gespielt haben - ein paar tausend Mal!“ Das Erfolgsgeheimnis: „Wir hatten eine große Klappe, aber keine Moralkeule.“ Auch als Aids das große Thema wurde, wurde Knust engagiert. Stolze 444 Mal brachte er sein Aufklärungsstück zu diesem schwierigen Thema auf die Bühne.

Da fuhr Knust bereits zweigleisig, betrieb nebenher das Theater Olpketal. Darauf wollte er sich konzentrieren und schloss mit dem Jugendtheater ab. „Aus betriebswirtschaftlicher Sicht habe ich mir damit zwei gesunde Standbeine abgesägt“, blickt er zurück.

Das neue Kerngeschäft war nun der Ruhrpott. Die Idee dazu entstand auf Tournee: „Wenn ich im Schwarzwald war, haben mich die Leute gefragt, ob ich noch länger bleiben wollte - wegen der guten Luft!“ Das ganze Bild vom Ruhrgebiet sei durch Klischees bestimmt gewesen. „Den Ruhrpott gab’s nicht im Fernsehen. Es gab Ohnsorg-Theater, Komödienstadl, Familie Hesselbach und alles mögliche. Aus dem Ruhrgebiet gab es nur Jürgen von Manger, und der war tot“, klagt der Ur-Dortmunder, und: „Vom Ruhrgebiet gab es das Bild, dass sich einer aus dem Fenster lehnt und Briketts durch die Luft fliegen.“

Diese Klischees griff Knust im Theater Olpketal dankend auf und trieb sie auf die Spitze. Mit Erfolg. „Da hat man gemerkt, dass die Dortmunder am liebsten über sich selber lachen“, begründet Knust seinen Erfolg. So entstand auch seine Kultfigur und Alter Ego „Günna“, eine Handpuppe. „Das war eine Persiflage auf den Lebensgefährten meiner Mutter“, erklärt der Künstler.

Günna ist der typische Ruhrpottproll mit Herz. Leicht besserwisserisch, hart, aber irgendwie nett. Wie die Angler am Kanal, die den paddelnden Knust mit Steinen bewarfen, ihm aber, wenn er mit dem Fahrrad am Kanal entlang fuhr, lang, breit und bedeutungsschwanger erklärten, wie angeln geht. „Die habe ich später 15 Jahre lang auf der Bühne wortwörtlich nachgemacht!“, freut sich Knust über die Inspiration.

Ruhrpottschnauze bleibt

Heute, bedauert er, gebe es diese Typen nicht mehr im Ruhrgebiet. Auch die Sprache habe sich verändert. Das Ruhrdeutsch verschwinde immer mehr. Das merke er auch bei seinen Kindern, die eher reines Hochdeutsch sprächen.

Knusts Programm schadet’s nicht, denn das ist Dortmund längst entwachsen. Er spricht zwar mit Ruhrpottschnauze, doch die Themen kommen aus aller Welt und mitten aus dem Leben. „Mein Theater hat ungefähr das selbe Einzugsgebiet wie Borussia“, erklärt Knust. Auch Fans von Gäste-Teams kämen zu ihm, ebenso wie die Gäste von großen Dortmunder Unternehmen. „Die interessiert nicht, ob der Oberbürgermeister auf dem Fahrrad beim Telefonieren erwischt worden ist“, erklärt er.

Doch auch wenn das Programm längst die Stadtgrenzen sprengt, ist und bleibt Bruno Knust Dortmunder mit Leib und Seele. Er liebt die Stadt als Rückzugsort, geht gerne zum Lernen seiner Texte in den Wald oder in den Westfalenpark („Unter der Woche ist man da ja fast alleine“). Er schätzt Dortmunds großstädtischen und gleichzeitig dörflichen Charakter, dem er auch seine zwei Jahre als Stadionsprecher beim BVB verdankt - „Dortmund hat kurze Wege“, nennt Knust das, was woanders Filz und in Köln „Klüngel“ heißt.

Wer so sehr Dortmunder ist wie Bruno Knust...

...der kommt immer wieder zurück. Auch wenn es Nachteile hat. „Viele sagen, ich müsste nach Köln gehen, um mehr im Fernsehen präsent zu sein. Ich müsste nur einmal irgendwo ein Bier trinken gehen und wäre am nächsten Abend in einer Talkshow. Aber ich will nicht nach Köln, ich kann damit nichts anfangen“, macht er deutlich, „Diese Gleichgültigkeit und diese Oberflächlichkeit waren nix für mich. Ich bin da zu schnell zu ehrlich geworden.“

Klar, für den WDR und die anderen Fernsehmacher sei „alles hinter Essen Zonenrandgebiet“. Aber das nimmt Bruno Knust gerne in Kauf. „Ich habe hier in Dortmund meine Ruhe. Das Komplettpaket stimmt einfach. Ich habe in vielen Städten gewohnt, aber die haben diese Vielfältigkeit und diese Überschaubarkeit nicht.“

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